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 Klatsch & Tratsch
 Die "Missfits" im EUROGAY-Talk
 Sagt man poppen oder ficken?
 von  

(18.3.01 - sm) Es war kein normaler Donnerstag. Zehn Tage lang gastieren die "Missfits" in Schmidt's Tivoli auf der Reeperbahn, doch zwei Tage nach der Premiere von "Jetzt mit noch mehr Männer" erschíen eine vernichtende Kritik in der taz, durch die sich die beiden Kabarettistinnen Gerburg Jahnke und Stephanie Überall verletzt fühlten.

Dem Publikum indes, so die Rezensentin, habe das Programm  "hysterisch gut gefallen". Wohl war,aber anders: Die beiden Oberhausenerinnen werden mitsamt ihrer Band umjubelt, wo sie auch gastieren. Am Abend, kurz vor der nächsten Vorstellung, hatten sich Gerburg und Stephanie schon wieder eingekriegt. In ihrer Garderobe plauderten sie mit eurogay-Redakteur Stefan Mielchen über Menstruation, schwule Männer und das richtige Wort für wenn man's macht.

eurogay: Wieso soll man eigentlich nicht "poppen" sagen sondern "ficken"?

Gerburg: Wer hat das denn gesagt?

Stephanie: Du!

Gerburg: Naja, es gab im letzten Programm eine Nummer darüber, wie die Leute so sagen. Und da war "poppen" zum Beispiel ein Unwort, so wie „Höpperli machen“ aus der Schweiz.

"Bei 'poppen' krieg' ich nen Lachkrampf"

Stephanie: Was kannste sonst sagen: „Ich hab Geschlechtsverkehr“, mit jemand „Liebe machen“. Das sind Begriffe, die kaum jemand benutzt. "Poppen" ist lustig: Bei "poppen" krieg' ich nen Lachkrampf!
 
eurogay: Wenn jetzt ein Typ käme und sagte: Komm, lass uns poppen gehen?

Stephanie (lacht): Da, siehste, muss ich schon lachen.

Gerburg: Ja, aber wenn der Typ käme und sagte: „Geh'n wir ficken?“ - da würd' ich genau so reagieren. Es geht ja auch gar nicht um meine privaten Balzverhalten. Es ist ja normalerweise so: Du bist zwanzig Minuten auf der Bühne und sagt einmal „ficken“ und dann schlagen sich alle auf die Schenkel. Das ist ja in deutschen Kabaretthäusern bekloppt geworden, wie so'n Codewort für: Jetzt bitte lachen!

"Es ist schwierig, gute Unterhaltung zu machen"

eurogay: Versaut auch die Comedy-Entwicklung das Geschäft?

Gerburg: Über Niveau sag ich heute nach der Kritik nichts mehr...

Stephanie: ... ich glaub, da dürfen wir auch gar nichts mehr drüber sagen. Also nicht vor 2003.

eurogay: Die taz-Kritikerin hat Euch heute in Grund und Boden verrissen. Steckt ihr das einfach weg oder habt ihr deswegen eine schlechte Vorstellung?

Gerburg: Also ich steck das überhaupt nicht weg. Mich verletzt das. Ich fühle uns missverstanden - dieses Programm ist kein tiefschürfendes, schwierige Themen beleuchtendes Programm - es ist ein Entertainment-Event, um das mal gut deutsch zu sagen - nicht mehr und nicht weniger.

Ich halte es für ganz schwierig, gute Unterhaltung zu machen: Wo sich Leute zwei Stunden lang amüsieren, sich und andere wiedererkennen. Ich halte es für 'ne gute Leistung, wenn man das macht. Ich finde den Anspruch von der Dame, die Latte, die sie hängt (also sie hängt ja jetzt keine Latten, aber Entsprechendes), sehr hoch.  Da ist klar, dass wir da durchfallen müssen.

"Die wissen vorher, dass sie's scheiße finden"

Stephanie: Es ist unterschiedlich, manchmal steck ich schlechte Kritiken so weg, und heute Morgen hatt' ich den Kaffee auf... Ich hab' nix gegen gute Verrisse, aber die Journalistin hat nicht nur uns kritisiert, sondern auch das Publikum niedergemacht. Das finde ich sehr gefährlich.

Gerburg: Mit der taz haben wir 'ne gute Tradition: Diese Idioten kommen ins Programm, wissen aber vorher schon, dass sie's scheiße finden. Wir kriegen überall, wo wir spielen, von der taz 'nen Verriss.

eurogay: Ein Vorwurf lautet, ihr bedientet „Feindbilder aus der Klamottenkiste“. Ist das Männer-Ding, das ihr in Euren Stücken durchzieht, noch zeitgemäß?

Das Männer-Thema hat sich nie erledigt

Gerburg: Das Thema erledigt sich nie, so lange es heterosexuelle Männer gibt. Es gibt ja keine Botschaften in unserem Programm, aber wenn es eine gäbe, dann würde sie darauf hinauslaufen zu sagen: Mädels, nehmt die Männer so, wie sie sind - verändern können wir sie sowieso nicht, dafür ist die Zeit einfach zu schade. Aber wir haben nicht den Eindruck, dass sich die Männergeschichte erledigt hätte.

eurogay: Welche Eigenschaften machen den Mann an sich so kabarettabel, dass er von Euch in eine Nummer gestrickt wird?

Stephanie: Mann kann ja nicht sagen: Wir nehmen uns Männer vor und sagen etwas darüber.Es geht um die Beziehungen vom Mann zur Frau und umgekehrt. Die Frauenfiguren, die wir darstellen, sind genau so kabarettabel: Die Frau, die am Suchen ist, die Frau, die die Enttäuschung schon hinter sich hat. Wir picken nicht nur auf dem Thema Männer rum, das stimmt so nicht.

Gerburg: Die Nummern drehen sich um die Beziehungen zu Männern und sind geprägt von sehr vielen Enttäuschungen, Kommunikationstäuschungen und, und, und.

"Schwule wissen, wie man schön einen Tisch deckt"

eurogay: Schwule sind für Euch kein Thema?

Gerburg: Ich finde, Schwule sind sowieso immer noch eine diskriminierte Gruppe, da müssen wir nicht zu beitragen. Wir haben keinen Anlass, uns über schwule Männer lustig zu machen: Die meisten schwulen Männer wissen, wie man Blumen überreicht, wie man einen Tisch schön deckt, mit denen kannst du stundenlang über Klamotten reden - die ganzen wichtigen Sachen eigentlich... Das macht sie sehr umgänglich.

Es käme sehr merkwürdig, wenn wir jetzt plötzlich den klassischen, tuntigen Schwulen spielten - ich finde, damit müssen sich die männlichen Kollegen auseinandersetzen. Wir machen ja auch nix über Lesben, das ist die selbe Abteilung.

eurogay: Das Lied „Ich würd' so gerne Frauen lieben, ich wär' so gern 'ne Lesbe“ war also eine Ausnahme.

"Lesben sind ausgesprochen humorlos"

Gerburg: Das war damals sehr ernst gemeint, so zu dem Thema, dass man mit Frauen eigentlich alles zusammen macht, was schön ist, und sich trotzdem in Männer verliebt, obwohl man weiß, dass es daneben geht. Aber wir haben wegen dieses Liedes sehr viel Ärger gekriegt mit Lesben, weil die sich verarscht fühlten, und dann haben wir's aus dem Programm genommen. Irgendwann ist mir auch aufgefallen, dass die meisten der Damen über eine ausgeprägte Humorlosigkeit verfügen und überall Diskriminierung wittern. Da sind die Schwulen ganz anders, viel offener. Wir haben überhaupt viel schwules Publikum, die einfach die gleichen Gefühle den Männern entgegenbringen wie wir.

eurogay: Über Themen wie Menstruation oder Sex im Alter spricht „man“ ja an sich nicht. Seht ihr euch als Tabu-Brecherinnen?

Gerburg: In fast jedem Comedy-Programm findest Du eine Bemerkung über irgendwas Menstruatives. Comedy wendet sich ja oft Ekelthemen zu, spielt dann damit und suhlt sich da drin. Wir sprechen über diese Themen, seit es uns gibt.

Stephanie: Ich glaube eher, dass das vor ein paar Jahren noch viel mehr ein Tabuthema war. Wir haben ein Programm, das heißt „Wo niemand wartet“, da haben sich die Geister sehr geschieden. Da ist die Figur Nora Nölle entstanden, die ihre letzte Binde beerdigt, Matta und Lisbett waren mit dabei, es ging um Tod und Sex und Toiletten, und da haben die Leute schon „huch“ und „hollala“ gesagt. Aber mach doch die Glotze an: Ich frage mich manchmal, was kein Tabuthema mehr ist.

Figur von lyrischer Einsamkeit

eurogay: Woher rührt die Lust, sich mit den Ekelthemen auf der Bühne auseinanderzusetzen?

Gerburg: Nimm die Figur der Nora Nölle, die ihre letzte Binde beerdigt hat. Die Absicht war einfach, eine positive Haltung zu dem Thema zu vermitteln. Also nicht zu sagen: „Oh Gott, meine Identität geht flöten, ich bin keine Frau mehr, ich kann mich nicht mehr über den Eisprung definieren“. Das ist eine Frau die sagt: „Ich bin es endlich los, ich kann endlich machen, was ich will!“ Nun hat die ja ne leichte Klatsche: Eurythmie, Nackttanzen, keine Männerkontakte - ich finde das eine sehr schöne Figur. Die hat, wenn man dafür offen ist, eine lyrische Einsamkeit.

eurogay: In welchem Lehrerzimmer habt ihr die Nora Nölle abgeguckt? So wie Du sie spielst, wirkt sie wahnsinnig lebensnah.

Gerburg: Die ist aber ein totales Klischee. Es ist witzig: Je mehr du mit Klischees arbeitest, desto näher kommst du. Das ist irre, die Figur ist so ein Klischee, dass dir eigentlich schlecht wird, und trotzdem sagen unheimlich viele Leute: „Wo habt ihr die Lehrerin her? Ich kenn' so eine.“

Stephanie: Meine Figur der Frau Lehmann-Brack ist genau das Gegenteil, die autoritärere, der alles bis hier steht, die ihre ganzen Ideologien verloren hat. Das hab' ich an der Gesamtschule erlebt, an die alle voller Idealismus gekommen und später so abgedriftet sind und keinen Bock mehr auf Schüler hatten - das kann ich sehr gut verstehen.

So sein wollen wie Lisbett

eurogay: Wieviel von Euch selbst steckt in diesen Figuren?

Gerburg: Ich denke, das sind visionäre Figuren: Wenn ich mal so würde wie Lisbett, da hätt ich überhaupt nix gegen. Ich find die Haltung von den beiden so klasse: Alt zu sein, schäbbig zu sein, aber mit Aggresivität sein Stück Leben einzufordern, ohne Diskussion, das hat ja etwas sehr Befreiendes.

eurogay: Eine Eurer Erkenntnisse heißt: "Kennse einen, kennse alle". Ist das nicht eigentlich furchtbar frustrierend?

Gerburg: Für wen jetzt genau..? (lacht). Das Schöne am Älterwerden ist doch, dass man ein paar Sachen wirklich lernt -  dass man zum Beispiel damit aufhört, die Jungs immer meint verändern zu können.

eurogay: Gerburg, Stephanie, vielen Dank für das Gespräch.

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