
Die Kabarettistin Gerburg Jahnke und das Ruhrgebiet
Eine Liebe zu Oberhausen
Zu viele Touren, zu viele Städte, zu viele Hotels. Die Missfits werden nach dem Programm"LetzteRunde" im Frühjahr 2005 auseinandergehen. Eine andere Beziehunghält. WAZ Redakteur Frank Lamers sprach mit Gerburg Jahnke, die seit 20Jahrengemeinsam mitStephanie Überall dasOberhausener Erfolgskabarett bildet, über ihre Heimat, das Ruhrgebiet.
WAZ:
Ich würde mich zunächst gerne mit Ihnen über
Humor . . .
Jahnke:
Ach, das werden wir unterwegs ja ziemlich oft
gefragt: Ist Ihr Humor denn ein spezieller
Ruhrgebietshumor?
WAZ:
Eine These: Im Ruhrgebiet geht es hin und her
im Gespräch. Wächst aus Schnelligkeit
Schlagfertigkeit?
Jahnke:
Ich habe das Programm eines Kabarett-Kollegen
aus Sachsen gesehen, den ich sehr schätze.
Aber irgendwann geht mir diese sächsische
Harmlosigkeit gegen den Strich. Und so ähnlich
sind ja auch die Hessen. Die sind auch ein
bisschen harmlos.
WAZ:
Das sind natürlich ganz erschreckende Klischees.
Jahnke:
Und langsam. Behäbig. Also, wenn wir zum
Beispiel in Schwaben spielen, dann spielen wir
automatisch langsamer. Wir warten nach dem
Scherz . . . Nein, nein, man merkt das während
des Spielens ja gar nicht so sehr. Aber wenn
die Leute sehr schnell reagieren, wird man
auch schneller. Dann geht das so zack-zack-zack.
WAZ:
Wir sind in Oberhausen, Ihrer Heimatstadt.
Was hat Sie immer hier gehalten?
Jahnke:
Tja. Das frage ich mich auch. Aber ich habe
auf den ganzen Touren viele andere Städte
gesehen, und ich fand die alle nicht so toll.
WAZ:
Nicht so toll wie Oberhausen?
Jahnke:
Also, jedesmal wenn ich wieder nach
Oberhausen reinkomme, frage ich mich: Warum?
Warum hier? Wenn ich dann einen halben Tag da
bin, dann ist alles wieder so wie immer. Ich
bin zum Beispiel am Samstag im Oberhausener
Kaisergarten gewalkt, und es fühlte sich ein
bisschen so an, also, so, als ob der Park in
New York wäre. Alle Oberhausener waren da, und
jeder machte irgendeine andere Beklopptheit.
Manche walkten mit Skistöcken, manche ohne,
dann joggten sie in unsäglichsten
Verkleidungen . . .
WAZ:
Sie schätzen Oberhausen, weil es in einigen
Eckchen suggeriert, New York zu sein?
Jahnke:
Ja, weshalb sollte man Oberhausen sonst
lieben? Wenn nicht wegen der kleinen Ecken.
Depressiv werde ich in der Innenstadt. Weil
all die schönen Geschäfte dicht machen. Und
auch wenn die Kinos renoviert wurden, vermisse
ich doch ein Programmkino, da muss ich ins Rio
nach Mülheim oder ins Astra nach Essen.
WAZ:
Begreifen Sie das Ruhrgebiet nicht als Ganzes?
Jahnke:
Das kann meine Vorstellung nicht sein. Mit
welchem Verkehrsmittel soll ich mich bewegen?
Mein Verlobter erlaubt sich manchmal, um sich
zu amüsieren, nach Gelsenkirchen zu fahren
oder nach Herne und dann zu versuchen, um 21
Uhr mit öffentlichen Verkehrsmitteln
zurückzukommen nach Oberhausen. Er ruft mich
dann immer gegen 22.30 Uhr an und fragt, ob
ich ihm seine Zahnbürste vorbeibringen könnte.
WAZ:
Ich darf mal zusammenfassen. Oberhausen
suggeriert nur in kleinen Ecken, es sei New
York. Aber nur da gefällt Ihnen die Stadt. Und
das Ruhrgebiet gibt es als Ganzes nicht, weil
. . .
Jahnke:
Das wird ein schwieriges Gespräch. Tja. Ich
glaube, ich bin einfach das, was man
bodenständig nennt.
WAZ:
Das hat doch Gründe.
Jahnke:
Dass man weggeht, das ist doch eine
Charakterfrage. Also, ich hab immer das Gefühl
gehabt, dass ich hier gut aufgehoben bin.
WAZ:
Aber Sie schwärmen nicht vom Ruhrgebiet. Um
im Klischee zu bleiben: In München sind die
Menschen stolz auf München.
Jahnke:
In München würde ich für Geld nicht leben
wollen. Selbst wenn die mir eine Apanage
zahlen würden. Wir zahlen Ihnen 4000 Euro im
Monat, Frau Jahnke, wenn sie in München leben.
Ich würde sagen: Nein, danke.
WAZ:
Und was macht diese Abneigung aus?
Jahnke:
Ja. München. Und die Münchner.
WAZ:
Bayern, Hessen, Schwaben, Sachsen. Jetzt
haben Sie alle beleidigt.
Jahnke:
Aber das will ich doch gar nicht. Ich fahre
da doch gerne hin. Ich möchte da nur nicht für
immer leben.
WAZ:
Aber warum schätzt man diese Region hier und
nicht München? Schöne alte Häuser, schöne
Biergärten . . .
Jahnke:
Ich mag schöne alte Häuser. Ich finde
Biergärten gut. Wenn ein Oberhausener
Gastronom mal nach München fahren und sich
anschauen würde, wie ein schöner Biergarten
funktioniert, könnte der Biergarten auch hier
schön werden.
WAZ:
Es gibt aber einiges, was gut ist im Revier.
Jahnke:
Natürlich. Es gibt ja viele Leute, die noch
immer mit diesem Alles-dreckig-Argument
kommen. Es ist hier ja nicht mehr dreckig. Es
staubt hier nicht einmal. Aber, was ich
schwierig finde, ist, dass diese Region im
Moment überlegt, in welche Richtung sie sich
eigentlich entwickeln soll, und dass das so
unklar ist, und dass es schlechtere Wege gibt
und weniger schlechte. Und ich finde diesen
Weg zu einer Freizeit- und Unterhaltungsregion
sehr, sehr schwierig.
WAZ:
Es kommen ja Touristen. Zum Gasometer in
Oberhausen zum Beispiel.
Jahnke:
Gasometer ist ein Superbeispiel. Es
erscheinen Artikel über die Ausstellungen im
Gasometer in britischen Feuilletons, aber von
der Stadt wird er kaum unterstützt.
WAZ:
Ist es nicht ein
bodenständig-ruhrgebietisches Kulturprinzip,
dass sich Kultur selbst tragen muss? Dass
vielleicht nur das Außerordentliche
unterstützt wird?
Jahnke:
Bei allen großen Projekten darf man das
Lokale nicht vergessen. Zum Beispiel das
Ebertbad in Oberhausen. Wenn dieses
Kulturzentrum vielleicht zumachen müsste, weil
es einfach nicht mehr zu bezahlen ist, das
fände ich unendlich schade. Und in diesem
Zusammenhang ärgert mich natürlich dann auch
so etwas wie die Trienale. Wenn ich merke,
dass ein Ort wie das Ebertbad, den ich total
wichtig finde, der eine Heimat für viele Leute
ist, dass der nicht entsprechend unterstützt
wird. Wenn das Ebertbad nicht mehr wäre, das
wäre zum Beispiel vielleicht dann irgendwann
sogar ein Grund, dass man doch weggeht.
|