Die Missfits unter dem Hammer 7.03.2005 WAZ OberhausenBei ultimativer Abschiedsgala in Oberhausen alle Requisiten versteige Von Michael Schmitz WAZ Oberhausen. Wenne Freitach überlebt has, is Samstag. Abschiedsgala im Oberhausener Ebertbad. Reichlich 500 Fans füllen das Wohnzimmer von Gerburg Jahnke und Stefanie Überall: "Bissken voll, ne." Erstaunlich wenig Herzschmerz am Freitagabend bei der ultimativ letzten gemeinsamen Nacht der Missfits. Tränen kullern nur vereinzelt, was läuft, sind Gerstensaft, Wein und Sekt. An diesem Abend ist man zum Feiern gekommen. Offenkundig mit dicker Brieftasche, um irgendwas zu ersteigern von Matta, Lisbett oder Nora Nölle. Die letzte Kabarett-Runde haben sie am 27. Februar im St. Pauli Theater zu Hamburg gefahren. Jetzt geht es darum, sich vom Eingemachten zu trennen, was das Frauentheater so einzigartig gemacht hat. Die Missfits kommen unter den Hammer, Requisiten aus zwei Jahrzehnten werden zugunsten des stationären und des ambulanten Hospizes Oberhausen versteigert, das auch die Eintrittsgelder erhält. Das alles soll in gute Hände kommen, "wir möchten es nicht übermorgen bei Ebay wiederfinden". Erste Überraschung, Auktionator Dieter Knizia von der Essener Versteigerungshalle ist den beiden Damen an kabarettistischer Reife beinahe ebenbürtig. Wenn er in Fünf-Euro-Schritten die Preise für die Requisiten in die Höhe treibt, dann bittet er - ein hinreißender Kontext zum Nutznießer der Versteigerung - auch schon mal um "etwas mehr Anteilnahme in der ersten Reihe". "Lassen Sie sich das nicht gefallen", ermuntert er eine Frau, die immer wieder überboten wird, "halten Sie Ihren Arm durchgehend hoch, ich seh' Sie sehr gut, Sie sollten öfter bieten." Und wird was übersehen, dann liegt es "am großen Saal und der Sehschwäche meines Partners. Keine Widerworte dem Auktionator geben". Da fliegen die Hände zum Himmel, gibt es doch zu jedem Exponat CD, Video oder sonst nicht käufliche DVD. Die Damen stehen nicht zurück bei ihrem Parforce-Ritt durch verschiedene Missfits-Programme: "Wenn Sie heute Abend Blut geleckt haben, dann gehen Sie morgen zum Tag der offenen Tür des Hospizes. Die Bestattungsnummer liegt uns ja." Als der "Titten-Body" drankommt, ist Zeit für eine zauberhafte Boshaftigkeit. "In Mülheim haben alle einen Beckenschiefstand", raunzt Gerburg ihre aus der Nachbarstadt stammende Partnerin an, "mit welchem Bein stehst du eigentlich morgens auf, dem kurzen oder dem langen?" Knizia in Ekstase: "280 Euro sind geboten, nicht nachlassen." Die Zeit ist reif für den Rekord des Abends, für 310 Euro kommt der Body an den Mann, der ihn seiner Frau schenken will. "Wo niemand wartet" ist das Klo. Matta sitzt ein letztes Mal drauf, Eierlikör oben rein, "datt unten watt rauskommt". 115 Euro bringt die Schüssel, ein Fan will sie sich ins Wohnzimmer stellen. Gekrückt wird nicht, auch Mattas Stock muss weg. 300 Euro bringt die Gehhilfe der "Frau in den besten Jahren". Alles muss raus, schnell. Ohnehin seien Quickies besser, "dat Leben is so kurz.Und oft ist die Zigarette danach besser als der Sex davor". "Oh Boot in Not, oh See, oh weh", da muss die Rettungsinsel her. Reminiszenz an "Frauen und Kinder zuerst", als die Missfits noch zu Dritt waren. Jutta Jahnke steigt zu: "Ich hatte wenigstens eine Fehlgeburt, Sie haben gar keine Kinder." Dem Versteigerer steht das Wasser bis zum Hals, bei 150 Euro lässt er den Hammer auf den Tresen krachen. Nur die Tänzerinnen-Käppis werden gerettet, 180 Euro. Der Rettungsring bleibt in der Familie. Hajo Sommers, Kleinkunst-Bademeister im Ebertbad und Dauerverlobter von Gerburg, greift für 205 Euro zu. Mitternacht ist vorüber, Wunderkerzen sprühen Funken, ein letztes Mal ertönt "Zum Ersten, zum Zweiten und - zum Dritten". Sie singen im Trio noch einmal das "Oberhausen-Lied", die Hymne der Wiege der Ruhrindustrie. Und da steht es an diesem 5. März gegen 0.30 Uhr fest: Die Nacht der Nächte hat 13 350 Euro für die beiden Oberhausener Hospize erbracht. Stehende Ovationen und weiße Rosen für die Missfits.
Matta geht nicht mehr am Stock Missfits erzielen 13 350 Euro für Hospiz Von Michael Schmitz Mit Taschentüchern ist beim ultimativ letzten gemeinsamen Auftritt der Missfits kein Geschäft zu machen. Künftig gehen die Bürgerinnen des Ruhrgebietes 2005 getrennte Wege. Tränenströme werden nicht vergossen. Wehmut gleichwohl, auch bei den beiden Damen: "Verlegen machen gilt nicht." Und Bademeister Hajo Sommers, der am Freitagabend im Ebertbad eine dann lange Reise in eine wunderbare Nacht anmoderiert, hat hörbar einen Kloß im Hals, der dicker sein muss als die Brustverstärkung des Lara-Croft-Kostüms (Konfektionsgröße unter 40), das als erstes für 160 Euro versteigert wird. Nur 75 dagegen gibt es für die größere Variante, wer will schon zugeben, über 40 Konfektionsgröße zu haben. Reichlich vier Stunden wird es dauern, bis die Missfits unterm Hammer sind. Aber: "Gemeinsam sind wir stark", heißt es in ihrem etwas anderen Song zum Feminismus. Stark sein müssen sie, gilt es doch, sich von etlichen Requisiten aus 20 Bühnenjahren zu trennen. Für einen guten Zweck. Der gesamte Erlös einschließlich der Eintrittsgelder geht an die Hospize Oberhausen, das ambulante und das stationäre. Der Samstag ist angebrochen, es ist 0.30 Uhr, das Ergebnis steht fest: Sage und schreibe 13 350 Euro für die Hospize. Sensationell. Bis dahin ist es ein langer Weg, den die Fans begeistert mitgehen, gepflastert mit Kabarett, Comedy und Musik. Ein Kleinkunst-Dinner der besonderen Art, das da zelebriert wird. Zehn Jahre zurück, "Dinner for one" in Altenberg. Ausschnitte via Video, in der Erinnerung beinahe noch köstlicher als damals. Der Tiger muss weg, auch die Banane, die eher an das wankelmütigste Stück des Mannes erinnert. Auktionator Dieter Knizia von der Essener Versteigerungshalle, der die Preise in Fünf-Euro-Schritten hochtreibt, ist längst zu Höchstform aufgelaufen, steht den Missfits auch an Unterhaltungswert nichts nach: "Die Banane, lassen Sie die doch nochmal zappeln." 170 Euro quetscht er raus. Mal gibt es eine sonst nicht käufliche DVD zu den Exponaten, mal eine CD, mal ein Video, oft ein Foto: "Wir werden überall unseren Namen drauf schreiben --- nicht überall." Nora Nölles Originalkostüm - Knizia: "Es soll frisch gereinigt sein, habe ich gehört." - von 1994 findet für 220 Euro - "Sonst wäre es in die Buxe gegangen" - eine neue Besitzerin: "Wo niemand wartet". Die Tasche mit Inhalt (eine Binde, ein Huhn) erzielt 220 Euro, wahrscheinlich, weil auch noch die Perücke draufgelegt wird. Inge Schnicks Handtasche und Handschuhe bringen 165 Euro. Aber dafür darf der neue Eigentümer jetzt auch unablässig die "Peeeter"-Rufe hören, sich das Video "Frauen und Kinder zuerst" ansehen. Als Mattas Stock in die Versteigerung kommt, verlieren die Auktionatoren fast den Überblick, 300 Euro.
.Der Rettungsring ist für "Hajo light" viel zu groß Missfits unterm Hammer: Und zum Finale kommt die O-Hymne Fortsetzung von Seite 1 "Können Sie auf Reisen mitnehmen, als Stuhl im Cafe und bei Bedarf das Klo drüberziehen." Das Klo ist da, wo angeblich niemand wartet. Jetzt steht es ein letztes Mal auf der Ebertbad-Bühne und Matta alias Stefanie Überall quetscht die letzten Eierlikör-Tröpfchen in die Schüssel. Dann wandert es für 115 Euro ins Wohnzimmer eines weiblichen Fans. "Alles muss weg." - "Dann machen wir et eben im Stehen." "Kennze einen, kennze alle" wird sich wohl auch die Kassiererin denken, wenn demnächst jemand mit dem Anschlagkoffer der Missfits in die Bank kommt und die 110 Euro erbeuten will, die er dafür berappt hat. Preiswert gar noch gegen die 300 Euro, auf die Auktionator Dieter Knizia Lisbetts ersten Mantel nebst Handtasche und Halstuch treibt. Da kommt der Eierlikör extra mit einem Gläschen und Pin dabei gerade zur Verdauung recht. Pause, Schlückchen trinken, vielleicht muss manch eine/r auch am Automaten Nachschlag ziehen, obwohl mit Karte bezahlt werden kann. Dann steigen die Missfits als Trio von einst in die Rettungsinsel. Jutta Jahnke mit an Bord, "Frauen und Kinder zuerst". 150 Euro sind fällig. Knizia wirft den Turbo an: "Ich sehe Sie sehr gut, Sie sollten öfter bieten." 180 Euro erzielt er mit den wunderschönen Tänzerinnen-Käppis. Die Schwimmweste von Birte Flöttcken ist dran, mit "Piss of" signiert, Feuerzeug und Fluppe als Survival-Pakte inklusive. Der Auktionator sucht seinen Hammer: 100 Euro. 65 gibt es für Dirks Brief an Siggi Stappert und Fräulein Stapperts Stopp-Uhr. Jetzt gerät das Ebertbad aus dem Häuschen, Hajo Sommers light auf der Bühne, mit zwei Freunden - Badehose. Jutta moderiert das Fitness-Programm: Gymnastik, Spagat, Liegestützen, herrlich. Hajo gibt alles, hat doch schon am Abend zuvor gesagt, dass er unbedingt den signierten Rettungsring der MS Helene will. Für 205 Euro hat er ihn, Kniffelbweib-Friedas Handtasche mit Inhalt noch dazu. Endspurt: Turban, Handschuhe und Flachmann von Cora von Ablaß-Krause, Gerburg singt das Lied "Wär ich ein besoff'ner Flachmann". Gage fürs Hospiz: 270 Euro. 300 dann gar nochmal für ein Spezialpaket mit CD vom Oberhausen Lied, Missfits-Foto auf dem Gasometer und eine DVD mit dem Missfits-Gastspiel beim "Langen Samstag" mit Herrn Kachelmann. Und endlich singen sie, die Hymne unserer Stadt: "...und alles watte sieh's is Oberhausen". Danke für mehr als zwei Jahrzehnte. m-s
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