Wehmut und Eierlikör

28.02.2005 / WELT / MANTEL

ABSCHIED / Die umjubelten Missfits Gerburg Jahnke und Stephanie Überall gaben in Hamburg die allerletzte "Letzte Runde".

HAMBURG. Wir werden sie vermissen. Die hochprozentig dicht dichtende Cora von Ablaß-Krause und unsere Lieblingslinguistin Gsielinde Geisiemeisie, die Studienrätinnen Nölle und Lehmann-Brack, die uns gelehrt haben, welche Einsichten es auf einem Schul-Klo geben kann, und, natürlich, die schärfsten alten Schachteln der Welt - Matta und Lisbett. Allesamt "misfits", Außenseiterinnen, die nicht ins stromlinienförmige Weiblichkeitsideal passen. Und allesamt Frauenfiguren, denen die Missfits Gerburg Jahnke und Stephanie Überall ihr langes Bühnenleben geschenkt haben. Nach 20 Jahren, finden Deutschlands komischste Kabarettistinnen, ist es Zeit für Neues. Und deshalb haben sie sich als Duo verabschiedet, lange, ausgiebig, gründlich, herzlich. Am Wochenende haben sie zum letzten Mal Tschüss gesagt, haben im St. Pauli-Theater in Hamburg die allerletzte "Letzte Runde" gegeben.

Uli Waller leitet das 500-Plätze-Theater an der Reeperbahn. Waller hat auch die Regie des Abschieds-Best-of-Programms gemacht. Und hat zu Beginn des letzten Auftritts zugegeben, dass er die Missfits vor zwölf Jahren kennen, aber erst mit der Zeit schätzen lernte. Dann aber gründlich: "Ich möchte mich bedanken für die vielen guten Witze über Männer - die ich fast alle noch nicht kannte. Und für die genauso guten Witze über Frauen." Für den "massiven weiblichen Einbruch in eine vermeintlich männliche Kunstform, das Kabarett", dankte Waller den Damen ebenfalls. Und er betonte: "Ein Kapitel geht zu Ende, nicht zwei Karrieren."

Ein ganz schön langes Kapitel, das die beiden Einbrecherinnen da geschrieben haben - von den Anfängen als Frauentheatergruppe im Oberhausener soziokulturellen Zentrum Altenberg über das Tingeln über kleine, mittlere und dann große Bühnen bis zu regelmäßigen Fernseh-Shows, einer eigenen TV-Serie und den höchsten Auszeichnungen ihrer Kunstform, dem Deutschen Kleinkunstpreis und dem Salzburger Stier.

Wie fit Missfits nach mehr als 200 Runden sind - zum Beispiel neun Auftritten in Berlin mit (jeweils!) 3000 Fans - bewiesen Überall und Jahnke beim zweieinhalbstündigen Abschied im plüschig rot-güldenen St. Pauli-Theater. Ein besonderer Rahmen für einen besonderen Abend: Die Präsenz der beiden Comediennes war bei jedem Wort zu spüren, selbst bei dem, das man nicht zitieren kann, das aber so unmissverständlich beschreibt, worums auf der Reeperbahn geht. Das haben die beiden nämlich, wie sie mit Stolz und Selbstironie gerne betonen, als Erste auf der Bühne gesagt.

Niemand hat ihnen jemals vorgeworfen, sie redeten um den heißen Brei herum. Lieber haben sie kühle Drinks geschlürft und dem Publikum genüsslich witzige Wahrheiten vor den Latz geknallt - über Frauen jeden Alters, lebende und sehr gerne auch tote Männer, über deren Beziehungen, vorhandene und verhütete Kinder. Gesungen haben sie auch drüber: schlau, schön und schräg. Und die gerade als "Bürgerinnen des Ruhrgebiets" geehrten Kabarettistinnen haben Menschen in der ganzen Republik dazu gebracht, aus vollem Hals "Oberhausen" zu schmettern, haben mit ihrem Erfolg und dieser Hymne unbezahlbare Werbung für ihre Heimatstadt gemacht.

Tränen auf der Bühne und im Publikum
20 Jahre sind genug, sagen Gerburg Jahnke und Stephanie Überall. Wehmütig durften sie am letzten Abend trotzdem sein, nicht erst bei der letzten Runde Eierlikör - "Prostata". Tränen kullerten auf der Bühne und im Publikum. Wenn allerdings jedes (Künstler-)Paar eine so stilvolle Trennung hinbekommen würde, wäre die Welt ein netterer Ort. Das Damen-Duo "Missfits" gibts nicht mehr, die Künstlerinnen Stephanie Überall und Gerburg Jahnke sind quicklebendig. Und jetzt? Mal sehen. "Wennze weiß, watte wills, musse machen, datte hinkomms. . ." Gute Reise! (NRZ)

 

Tränen auf der Reeperbahn

28.02.2005 / LOKALAUSGABE / OBERHAUSEN

ABSCHIED / Bye-bye Missfits! In Hamburg beendeten die "Madonnas von Oberhausen" ihre "Letzte Runde".

Da hockt eine junge Frau an der Reeperbahn und weint. Die Polizisten von der Davidwache gehen vorbei, sowas sehen die öfter. Der Grund für die Tränen ist aber einmalig: "Die Missfits hören auf", schluchzt die Verzweifelte, als sich Passanten erkundigen, ob sie helfen können. Es ist dunkel und kalt in St. Pauli, aber im St. Pauli-Theater ists gerade mehr als 500 Menschen warm ums Herz geworden, warm und wehmütig. Sie haben einen ganz besonderen Abend erlebt: die allerletzte "Letzte Runde", die Abschiedsvorstellung von Gerburg Jahnke und Stephanie Überall als Kabarett-Comedy-Duo "Missfits".

Selbst nach einer 15-Monate-Tour mit mehr als 200 Vorstellungen, selbst vor einem so großen Schnitt im Leben sehen die beiden klasse aus. Das muss ihnen erstmal jemand nachmachen - und ihren Erfolg auch. Dass es nicht ihrer allein ist, dass ganz viele daran mitgewirkt haben, das wissen Überall und Jahnke, und das sagen sie an diesem Abend auch ganz deutlich - bedanken sich bei denen, die mitgearbeitet haben und Freunde geworden sind. Zum Beispiel bei der Band - Ralf Bazzanella, Mattes Mecina, Many Miketta, Georg Weber und Tom Weingarten. Oder bei Agentin, Hin-und-wieder-Mitspielerin und Schwester Jutta Jahnke. Und bestimmt nicht zuletzt bei Susanne Fünderich und Hajo Sommers, die mit dem Ebertbad das "Wohnzimmer" der Missfits managen und auch sonst große Rollen im Leben der Damen spielen.

Aus dem Wohnzimmer ist denn auch gleich die gesamte Ebertbad-Familie angereist, jubelt mit anderen Freunden, Kollegen und den Fans von den 500 Sitzen im Theater den Kabarettistinnen zu, als die nach dem für den Anlass leicht abgewandelten Programm im Silber-Flitter-Regen das wunderschöne "Wennze"-Lied singen. Wie gut, dass die Tränen-Gefährdeten die Taschentücher vorbeugend gezückt haben.

Ganz viel Applaus, ganz lange stehende Ovationen: So bedankt sich das Publikum bei den "Madonnas von Oberhausen", die auf ihrer "Letzten Runde" fast jedes Haus ausverkauft hatten, viele auch mehrfach. Die Karten für die 22 Vorstellungen im Ebertbad Ende 2003 waren in fünf Tagen weg, die für die Benefiz-Versteigerung "Missfits unterm Hammer" am kommenden Freitag im Ebertbad in einer Stunde. "Ganz locker lassen", beschwichtigt Jahnke, "auch der Bus aus Oberhausen" - der ist natürlich besonders laut. "Ihr habt uns einen schönen Abend bereitet - für son dusseligen Samstagabend", sagt die Frau mit der Kodderschnauze. Und ihr uns 20 lustig-lehrreiche Jahre - danke.

MONIKA IDEMS


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